utopia – 38: who ever promised you a rosegarden

[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]

Noë weiss schon, dass sie den Rosengarten nur finden, nicht aber suchen kann. Und so macht sie sich auf eine längere Wanderung durch das Treppenlabyrinth gefasst, als sie ihr Zimmer aufs Neue verlässt um sich wieder mit Mat zu treffen. Und wirklich: Irgendwann findet sie den Rosengarten automatisch – oder er sie.

Mat wartet schon auf sie und sie ist erleichtert, ihn dieses Mal recht schnell gefunden zu haben. Sie sagt ihm, dass sie froh ist ihn zu sehen und dass der Rosengarten so beruhigend und entspannend ist. Er lacht und fragt sie, was sie denn heute gerne entdecken würde. Und sie sagt in einer plötzlichen Eingebung, dass sie so gerne mal Wasser beobachten würde. Stilles Wasser, mit kleinen Wellen. „Wie in einem Teich?“, fragt Mat sie. Und Noë nickt. Er führt sie um eine Wegbiegung, zwischen zwei hohen Rosenbüschen hindurch und plötzlich stehen sie vor einem sehr schönen, ruhigen Teich. Und davor, wie für sie geschaffen, steht eine Bank. Sie setzten sich.

Noë beobachtet das Wasser, wie die Wellen sich langsam und gleichförmig bewegen, ineinander laufen, auseinander laufen. Sie staunt, wie das Wasser die Farben aus der Umgebung spiegelt und in ihr formen sich plötzlich Gedanken, wie in einer Erinnerung. Gedanken, wie aus ihrem Gedichte- und Gedanken-Buch.


utopia farben, ©saschademarmels
utopia farben, ©saschademarmels

Wasser, Wellen, das Verschwimmen von Farben wie im Malkasten die Farbübergänge zwischen den einzelnen Farbstiften. Auf der einen Seite des Türkis bis in die Unendlichkeit, auf der anderen Seite Rot, gemischt mit Lilatönen, weiter hinten grünlich, in der Mitte ganz tief blau. Und wenn man schwimmt, Wellenformen, Wellen, die sich fortpflanzen. Im Wasser stehend die Arme bewegen, in weiten Kreisen von hinten nach vorne und zurück immer der Wasseroberfläche nach. Spür das Wasser an den Fingern, wie es vorbei rinnt, fein und mit leichtem Widerstand an Haut und an feinen Häärchen an den Fingern vorbei. Aber wenn man die Augen schliesst, könnte es auch ein Lufthauch sein. Das Wasser ist ganz weich, die Arme scheinen darin zu schweben. Sobald man sie bewegt, kommen sie ganz zur Oberfläche, sonst sinken sie knapp darunter.


Noë staunt etwas über sich selber. Sie kann sich nicht erinnern, diesen Text irgendwann irgendwo gelesen zu haben. Aber Mat erinnert sich, dass er diesen Text kennt. Dass er ihn mal irgendwann irgendwo gelesen hat. Und das gibt Noë ein gutes Gefühl, sie fühlt sich mit Mat verbunden.

Dann fragt Mat sie, ob sie es denn nicht etwas seltsam finde, dass der Rosengarten immer genau das liefere, was sie sich gerade wünscht. Und dass es doch schon etwas eigenartig sei und die Welt doch nicht so funktioniere. Das gibt Noë einen Knick. Hält Mat sie etwa für verwöhnt? Oder hat er sie etwa hinters Licht geführt und es gibt den Rosengarten gar nicht? Es ist ja schon fast zu schön um wahr zu sein. Und darum sagt sie ganz offen: „Mir kommt es so vor, als ob es den Rosengarten gar nicht gibt, wenn du nicht da bist.“

Mat sagt nichts, er schaut sie nur ruhig an. Und sie denkt weiter nach. Wenn sie vorher in einer virtuellen Realität war, mit Luis und ihrer Wohnung und dem Café Meetingpoint, dann ist der Rosengarten vielleicht auch eine virtuelle Realität. Und vielleicht kann sie sich nicht dahinein zwinkern, weil es nicht ihre virtuelle Realität ist, sondern eben jene von Mat. Vielleicht hat Mat sie sogar dahinein entführt? Vielleicht saugt es einem einfach rein, wenn man zu nahe daran vorbei geht. Aber ausser dem Rosengarten ist Noë ja nie in einer anderen, fremden virtuellen Realität gewesen.

Mat schaut Noë immer noch sehr ruhig, aber auch sehr eindringlich an. Und sie beginnt sich plötzlich sehr aufzuregen. Was spielt der eigentlich hier für ein Spiel mit ihr? Und sie denkt an Luis, der sie einfach so verlassen hat und dass sie jetzt schon wieder auf jemanden reingefallen ist, der es gar nicht ernst mit ihr meint. Und sie beginnt Mat anzuschreien. Sie merkt, wie er sie beschwichtigen will, aber das macht sie nur noch wütender und sie schreit weiter und da beginnt Mat plötzlich zu flackern. Noë guckt an sich herunter um zu sehen, ob auch sie flackert. Aber sie flackert nicht. Nur Mat. Und in ihrem Hirn flackert es, vor lauter Wut. Was hat Mat hier bloss angestellt?

Noë stampft wütende davon, auf das Tor zu und raus, ins Gedärm des Gebäudes. Sie stampft und rennt und sie möchte nur weg von Mat und in ihr Zimmer und sich in ihre Kuscheldecke einkuscheln. Vor ihr taucht der weinrote Flur auf und sie stösst mit letzter Kraft ihre Türe auf und wirft sich aufs Bett, gräbt sich wie wild in ihre Decke ein.

Aber sie findet keine Ruhe, kann sich nicht entspannen und kann nur weiter wütend an Mat denken und nicht aufhören sich zu fragen, was hier eigentlich los ist. Und Darum setzt sie sich wieder auf und setzt sich an den Tisch und beginnt im Internet nach Informationen zu suchen. Sie sucht nach Mat, aber sie findet nichts. Stattdessen landet sie mal wieder auf der Seite von ecocyb.

Aufruf an alle mit gesundem Menschenverstand
Macht die Politik auf die globalen Verknüpfungen aufmerksam

Erst wollte die Politik die Flüchtlinge in eine VR verbannen, jetzt flüchten die Machthaber selber dorthin. Und das alles, weil sich niemand die Probleme mal genauer anschauen möchte, sie studieren möchte und Lösungen finden.

Wahrscheinlich hat es schon ganz früh angefangen, aber wir — die intelligenten Menschen — haben es nicht bemerkt. Als die Zeichen dann langsam deutlicher wurden, wollte sie niemand erkennen. Ich spreche von Jahrhundertstürmen wie Lothar, die sich auf einmal zu häufen begannen und darum die Bezeichnung „Jahrhundert-…“ gar nicht mehr verdienen.

Alles wurde enger, beengender und deutlicher. Dürren und gleichzeitiges Ansteigen des Meeresspiegels, Hungersnöte, soziale Revolten. Die grosse Masse der Menschen möchte schon lange nicht mehr so, wie die Mächtigen der Welt. Es spielt eigentlich gar keine Rolle, ob der Klimawandel von Menschen gemacht ist oder nicht — viel wichtiger ist doch, wie wir uns anpassen, wie wir mit der neuen Situation umgehen. Was diese neue Situation überhaupt ist.

Aber nichts da: In unserer aktuellen Welt gibt es keine Probleme, darum darf man sie auch nicht analysieren. Und erst recht nicht darf man auf Probleme reagieren.

Würden wir das tun, könnten wir merken, wie unsere Probleme überhaupt beschaffen sind. Wir würden sehen, dass sie nicht ganz so gross sind wie befürchtet. Wir könnten Lösungen — echte Lösungen — in Angriff nehmen. Stattdessen schiebt unsere Politik die Probleme vor sich her, bis sie sich immer weiter auftürmen und wir irgendwann wirklich nichts mehr tun können.

Die einzelnen Problemfelder — Terror, Klimaerwärmung, Flüchtlingspolitik — sind jetzt schon eng miteinander verknüpft. Die Lösungen, an denen die Mächtigen basteln, spielen ihnen doch nur wieder selber in die Hand. Würde man das alles einmal neutral betrachten, würde man viel klarer sehen, wo Lösungen liegen könnten. Flüchtlinge werden immer weiter flüchten, bis sie das Paradies gefunden haben. Sie werden es nie finden. Essen kann nicht mehr zu den Menschen gebracht werden, also müssen die Menschen zum Essen. Und wenn es allen gut geht, dann werden die Menschen auch wieder besser miteinander umgehen. Aber wie können wir gewährleisten, dass es allen Menschen gut geht?

Hört auf davon zu laufen, schaut den Problemen in die Augen! Und bringt die Politikerinnen und Politiker dazu, endlich etwas zu tun.

Noë merkt, dass ihr Puls ganz schnell geht. Wenn das alles stimmt, dann muss man schleunigst etwas tun. Was kann sie tun. Was könnte sie machen um der Welt zu helfen? Oder liegt das alles in der Vergangenheit. Was ist passiert? Wie ist es weitergegangen. Sie klickt herum, aber sie findet keinen weiteren Blogeintrag von ecocyb. Sie findet keine weiteren Informationen, wie es weitergegangen ist, wie es weitergehen könnte. Sie ist enttäuscht und atemlos.

Da sieht sie einen goldenen Schimmer am Rand der Seite. Ein Link zu einem Zeitungsartikel. Sie klickt darauf und versucht sich gefasst zu machen auf das was kommen könnte.

23. Januar 2019
Verhaftung wegen Volksverhetzung

Der Inhaber der Firma ecocyb ist gestern verhaftet worden. Er hatte in seinem Firmenblog lautstark dazu aufgerufen, Regierungen zu stürzen, wenn sie sich nicht an seinen Vorschlägen zur Weltverbesserung beteiligen. >web<

Leon Kaufmann, Gründer und Inhaber der Firma ecocyb, ist gestern zusammen mit seiner Frau verhaftet worden. Der Vorwurf: Volksverhetzung. Kaufmann hatte in seinem Blog dazu aufgerufen, die Politik von der Notwendigkeit zu überzeugen, Probleme in Zukunft globaler anzugehen und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Bereichen ernst zu nehmen und Probleme entsprechend gesamthaft anzupacken. ecocyb hat sich als Firma dem gesamtheitlichen Denken, der Kybernetik verschrieben. Die Abkürzung steht für ecocybernetics, also dafür, dass verschiedene Umweltfaktoren in Zusammenhang miteinander stehen.
Seine Frau, Jara Vester-Kaufmann, wurde am selben Abend wieder auf freien Fuss gesetzt. Er verbleibt vorläufig in Untersuchungshaft. Das Paar hat zwei kleine Kinder.

Noë muss ein paar Mal leer schlucken. Sie weiss nicht genau, wieso ihr dieser Zeitungsbericht jetzt so nahe geht. Zum einen hat sie sich von ecocyb die rettende Lösung versprochen. Zum anderen kannte sie Leon aus dem Forum. Er war klug und er wusste, wie Dinge laufen. Und Jara Vester Kaufmann — das war die Frau mit der Homepage. Das war seine Frau? Und die Kinder?

Und dann beginnen sich ihre Gedanken wieder um die virtuelle Realität zu drehen. Ist sie jetzt in einer virtuellen Realität? Oder war sie es vorher? Was ist mit dem Rosengarten? Wieso konnte nur sie sich rumzwinkern und Luis nicht? Und wieso kann sie es jetzt nicht mehr? Sie vermisst Luis. Und sie schämt sich, dass sie sich mit Mat angefreundet und dabei Luis fast vergessen hat. Sie hätte ihn suchen müssen.

Sie stürzt auf den weinroten Flur hinaus und ist bereit, alles zu tun um Luis zu finden. Sie geht auf die nächst beste Türe zu, aber als sie sich nähert um zu klopfen, verschwindet die Türe einfach vor ihren Augen. Sie geht zur nächsten Türe. Diese verschwindet nicht, aber als sie sie öffnet, steht sie einfach in einem anderen Flur. Sie rennt los, weiss nicht mehr, wohin sie sich wenden soll und vor ihr beginnen Wände und Lampen und Türen zu verschmelzen und die Farben verändern sich fortlaufend. Treppen entstehen und verschwinden und sie traut sich nicht mehr sich zu bewegen und bleibt atemlos stehen. Und dann beginnt das ganze Gebäude zu flackern. Wie Mat im Rosengarten. Alles flackert, die Wände, die Lampen, die Flure, die Treppen, die Türen. Noës Herz rast. Und dann wird alles schwarz um sich herum.

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