utopia – 45: das runde und das eckige

[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]


blaue, feine, rote, runde. gelbe, kleine, weisse grosse. grüne, grüne, rote, blaue, weisse, gelbe, grüne, braune. wiesenmeer, blütenbad. sehe keinen horizont. um mich nur, blumenmeer, kunterbunt, farbenpracht. ohne zeit, ohne tat, ohne rat, immer rund. lache in den himmel, der über mir schwebt.

utopia blumen, ©saschademarmels
utopia blumen, ©saschademarmels

„ Grossmutter? Schläfst du oder bist du wach?
„ Ich bin wach, Tam. Ich bin wach.
„ Geht es dir besser?
„ Ja, es geht besser. Ich muss nach Noë sehen. Läuft der Generator noch?
„ Ja, Grossmutter. Der Generator läuft. Aber…
„ Tam, was ist los?
„ Weisst du, als du plötzlich so krank warst… Ich habe dich in die Stadt gefahren. Ins Krankenhaus.
„ Ja, Tam, ich weiss. Ich habe zwar vieles nicht mitgekriegt, aber ich weiss. Ich danke dir!
„ Nein, Grossmutter. Das ist es nicht.
„ Was, Tam?
„ Als wir in der Stadt waren, habe ich deine Aktivisten-Freundin gesucht, Alvina. Ich konnte mich nur noch schwach an sie erinnern. Aber ich habe rumgefragt und ich habe sie gefunden.
„ Geht es ihr gut? … Geht es Noë gut?
„ Es geht ihr gut. Ich habe mit ihr über Noë gesprochen und wie wir sie befreien könnten.

„ Grossmutter. Bevor wir ins die Stadt gefahren sind, habe ich deinen Computer angeschaut. Ich habe gesehen, was du gemacht hast. Das Gebäude, die neue virtuelle Realität für Noë. Ich habe sie gesehen. Und ich habe auch gesehen, dass du nicht weitergekommen bist. Ich habe den Code mitgenommen und ihn Alvina gezeigt.
„ Tam. Was hast du getan? Was hast du gemacht?
„ Alvina hat gesagt, dass wir wahrscheinlich auf gutem Weg sind. Aber das es nicht ausreicht. Sie hat mir geholfen, eine weitere virtuelle Realität zu kreieren, eine mit noch intensiveren Gefühlen. Noë muss noch aufnahmefähiger werden.
„ Tam, das ist alles sehr ernst. Wir können nicht einfach mit Noë herumexperimentieren. Wir müssen die Sache sehr vorsichtig angehen.
„ Grossmutter, du warst wochenlang kaum ansprechbar.


so rund. so rund und unförmig. und klar. glasklar im glasklaren wasser. spiegelt. rund und abgeschliffen. das wasser ganz kalt. und klar. klar und kalt. kommt immer zusammen. der fuss scheint gelähmt, wenn man ihn ins wasser hält. der stein fühlt sich rund an. unter der fusssohle. mit der hand reinfassen. ihn erreichen, den stein. das runde. leicht. an der luft gleich viel schwerer. wiegt etwas. wiegt viel. wiegt rund. weniger klar, über dem wasser. weniger wässerig. gute aussichten. aussicht auf ein klares wasser. auf klärung. auf einen runden stein.

utopia wasserstein, ©saschademarmels
utopia wasserstein, ©saschademarmels

„ Tam, lebt Noë noch? Hast du noch Kontakt zu ihr?
„ Grossmutter, ich habe mit ihr gesprochen!
„ Mit ihr gesprochen! Mit ihr gesprochen? Ist sie in Gefahr?
„ Ich habe ihr nicht gesagt, wer ich bin. Ich habe den Rosengarten programmiert, ein Garten mitten im Gebäude. Und ich habe mich als Mat ausgegeben. Ich habe mit ihr gesprochen. Ich habe ihr Dinge gezeigt, ich habe ihr Gemüse gebracht. Und ein Kaninchen. Sie war überwältigt. Es hat ihr gut getan. Sie hat viel gelernt. Sie hat sich richtig geöffnet…
„ Wo ist sie jetzt, Tam?
„ Ich weiss es nicht…
„ Der Generator ist ausgefallen?
„ Ich habe den Rosengarten nur zugeschaltet, wenn ich da war. Das hat die Komplexität etwas verringert. Ich habe ihr einmal ein Flüchtlingslager gezeigt. Aber ich habe es danach wieder ausgeklammert. Es lief gut. Aber dann. Gefühle sind so enorm komplex.
„ Der Generator ist ausgefallen.
„ Der Generator läuft. Aber es ist zu einem kleinen Unterbruch gekommen. Das Programm hat geflackert. Aber Danach hat es sich stabilisiert.
„ Lebt Noë?
„ Ja, sie lebt. Aber …
„ Was, Tam. Sag es mir!
„ Wir haben uns gestritten. Sie kam nicht zurecht mit all den Informationen. Ich glaube, sie stand ganz kurz davor zu begreifen. Und dann flackerte das Programm und sie wurde sehr wütend auf mich. Und ich konnte nichts erklären und jetzt kann ich mich nicht bei ihr entschuldigen. Das Rosengartenprogramm ist zerstört.
„ Aber sie lebt? Sie lebt!
„ Ja, sie lebt. Aber ich weiss nicht, wie ich sie kontaktieren soll.
„ Ich sende ihr Texte, über das alte Internet. Wenn sie lebt, wird sie im Internet nach Informationen suchen. Sobald sie weiss, dass sie eingezellt ist, können wir offen mit ihr sprechen.
„ Erst einmal müssen wir alle überflüssigen Programme herunterfahren. Geht sie noch in die Stadt-VR?
„ Nein. Das Programm ist zerfallen.
„ Das war zu erwarten. Gut, dann bleibt sie im Gebäude. Wir nehmen alle Farben raus und alles, was überflüssig ist.
„ Ich habe etwas mit den Farben gespielt. Und mit den Bodenbelägen…
„ Tam, das braucht alles Kapazität. Es muss alles raus.
„ Und wenn sie es noch nicht weiss?
„ Wir müssen vorsichtig sein.

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